Streitgespräche statt Sinngespräche bei „Mensch Tier, was machen wir mit Dir?“
5. Hofheimer Sinngespräche – mal etwas anders

Obwohl nur ein paar Meter weiter Tarek Al-Wazir in der Stadthalle den Wahlkampf von Bürgermeister-Kandidatin Bianca Strauss unterstützte, kamen an die 40 Gäste zu den neuesten Hofheimer Sinngesprächen des VolksBildungsVereins, angelockt von einem weiteren spannenden Thema.
Pointiert und provozierend war der Impulsvortrag der Tierärztin Kirsten Tönnies zum Thema „Massentierhaltung: Zum Fressen gern – oder umdenken und endlich handeln.“ Und provoziert fühlten sich eine Reihe von regionalen Landwirten, die zu den nun bereits zum 5. Mal stattfindenden Hofheimer Sinngesprächen erschienen waren. Moderator Ansgar Kemmann hatte alle Hände voll zu tun, die Diskussion im Rahmen zu halten. Trotzdem hatte der Abend streckenweise eher den Charakter eines Streit- statt eines Sinngesprächs. Aber der Reihe nach …
„Sie sollen erschrecken, wütend werden – motiviert zum Handeln“. Mit diesem Anliegen ging Frau Tönnies an den Start und schilderte anhand einiger Beispiele die Bedingungen und Auswirkungen der Intensivtierhaltung. Um das Leiden der Tiere zu verschleiern, es unsichtbar werden zu lassen, bediene sich die „Veredelungsindustrie“ einer Sprache, die das Wort „Tier“ vermeide und es ersetze durch Produkte oder Material. Emotionen sollen beim Verbraucher durch die Verdinglichung erst gar nicht entstehen. Das Produkt Wurst werde damit wichtiger als das Mitgeschöpf Schwein und seine Haltungsbedingungen.
Anschaulich zeigte Frau Tönnies, wie viel bzw. wenig Platz Schweinen nach den neuesten, schon verbesserten Bestimmungen der sog. Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) zusteht, indem sie den Platz auf dem Boden auslegte: 0,75 qm für ein bis zu 110 kg schweres Mastschwein. (s. Foto)
Dass diese Bestimmungen in Teilen dem Tierschutzgesetz, § 1 Satz 2 „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen“ widersprechen, nahm das Publikum verwundert zur Kenntnis. Auch auf das von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner geplante staatliche Tierwohlkennzeichen wurde eingegangen. Die formulierten Kriterien geben in drei Stufen Auskunft darüber, wie Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung gelebt haben, bildeten aber vor allem in Stufe 1 noch keine spürbare Verbesserung für das Tierwohl. Gestreift wurde zudem der Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung und wie in Studien mit statistischen „Spielchen“ niedrigere Zahlen als der tatsächliche Verbrauch suggeriert werden.
„Schwänze kupieren ist Tierschutz“. An diesem Zitat, das neulich in der Diskussion um ein Gutachten von Prof. Steffen Hoy von der Universität Gießen zur Schweinehaltung entstand, entzündete sich nicht zuletzt eine heiße Diskussion mit den anwesenden Landwirten, die gut präpariert mit Fachwissen und interessanten Zahlen zur Entwicklung der Lage der regionalen Landwirtschaft aufwarten konnten. So erfuhr das Publikum, wie dramatisch sich die wirtschaftliche Lage der Landwirte in den letzten 30 Jahren geändert hat, seit die Preise in Industriestaaten zugunsten der Agrarstaaten massiv gesenkt und nur zu einem geringen Anteil durch Subventionen aufgefangen wurden. Zusätzliche Probleme und Unkosten entstanden dadurch, dass praktisch alle regionalen Schlachter aufgegeben haben und die Tiere deshalb viel weitere Strecken transportiert werden müssen. Alles Faktoren, die ursächlich zum fortschreitenden Höfesterben beitragen. Herr Pauly vom Johanneshof, einer der anwesenden Landwirte aus Hofheim, wünschte sich zudem einen respektvolleren Umgang und mehr Vertrauen in die regionale Landwirtschaft. Die negative Berichterstattung der Medien über die schwarzen Schafe der Sparte zerstöre leider auch das Vertrauen in die örtlichen Anbieter. Eine fabrikmäßige „Massentierhaltung“ sei im Main-Taunus-Kreis nur selten anzutreffen. Der Begriff „Massentierhaltung“ in Abgrenzung zu „Intensivtierhaltung“ ist nach den Ausführungen von Frau Tönnies übrigens eher politisch zu verstehen: er beschreibe ein System, das auf kurzfristigen, maximal möglichen Gewinn ausgerichtet ist und nahezu alle sozialen, ökologischen und tierschützerischen Aspekte außer Acht ließe.
Zum Abschluss ihres Impulsvortrags führte Frau Tönnies schließlich vor Augen, wie absurd die Preispolitik bei landwirtschaftlichen Produkten betrieben wird und wie schwer es der Verbraucher hat, wenn er tierfreundlich und umweltgerecht produzierte Produkte kaufen möchte. Sie hatte einen kleinen Einkauf für die Sinngespräche getätigt und verschiedene Beispiele, die praktisch für sich sprechen, mitgebracht:
• eine Packung Eier mit allen möglichen Ökosiegeln
Hier war der Clou: wenn man den Stempel der Eier, der über die Art der Hühnerhaltung Auskunft gibt, betrachtet, erfährt man, dass sie aus der schlechtmöglichsten Haltungsform in der BRD stammen, nämlich Bodenhaltung. Zeitgleich entstammen sie der Initiative „Bruderhahn“, bei der die männlichen Küken nicht wie sonst sofort getötet, sondern wenigstens eine Periode lang mit aufgezogen werden, was wiederum zu begrüßen ist. (s. Foto). Der Verbraucher kann das Dilemma kaum lösen.
• ein Hähnchen, das ganze EUR 1,99 kostet – was kann da noch beim Erzeuger hängenbleiben und wie kann ein regionaler Landwirt zu solchen Dumpingpreisen qualitätvolle und gesunde Tieraufzucht betreiben?
• Eine Packung Vogelfutter für EUR 3,99 – und damit doppelt so teuer, wie der komplette Vogel bei gleichem Gewicht.

Ein Fazit des Abends – nicht nur für anwesende Vegetarier im Publikum – war, dass insgesamt zu viel Fleisch und Fleischprodukte gegessen werden, was sowohl für die Gesundheit des Menschen eine Belastung ist als auch Massentierhaltung begünstigt.
Das Publikum war so „mitgenommen“ von diesem Thema, dass selbst in der Pause bei Wein und Brezeln und nach Ende der Veranstaltung die Diskussionen und Gespräche nicht abreißen wollten.
Wer diese Sinngespräche verpasst hat, kann sich passend zum Thema in der 3sat-Mediathek die gerade gelaufene Sendung „Rechte der Tiere“ aus der Reihe „scobel“ ansehen: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=80067

Die nächsten Themen und Termine für die Reihe „Hofheimer Sinngespräche“ werden im kommenden Programmheft des VolksBildungsVereins für die Saison 2019/2020 zu finden sein. Es erscheint immer zu Beginn der Sommerferien und ist in vielen Hofheimer Geschäften sowie in der Geschäftsstelle des Vereins erhältlich.